Wie kommen wir darüber?

oder1974 – Brückenschlag über die Aller mit Brückenlegepanzer M 48

An dieser Stelle möchten wir – endlich – beginnen, Erfahrungen der Pioniere der Bundeswehr vorzustellen. Hier der Bericht von einem gelungenen Pioniereinsatz, der das handwerkliche Können und Kreativität der Pioniere unter schwierigen Voraussetzungen  beschreibt:
Dieser Bericht soll die Ehemaligen unter Ihnen anregen, uns ähnliche Artikel zususenden und den Jüngeren unter Ihnen darstellen, was die Pioniertruppe der Bundeswehr in den vergangenen Jahrzehnten geleistet hat.
Sie werden diese Darstellungen unter der Rubrik “Geschichte der Pioniertruppe”, Menüpunkt “Pioniere der Bundeswehr” finden.”Es war einmal vor langer, langer Zeit, so möchte man mit der Schilderung eines Brückenschlages beginnen, der 35 Jahre zurückliegt. Damals gehörten Übungen mit Volltruppe auf allen Führungsebenen – bis hin zum Korps- zur normalen Ausbildung und waren natürlich zugleich immer Höhepunkte. Die damit verbundenen Truppenbewegungen – auch mit allen gepanzerten Gefechtsfahrzeugen – auf Autobahnen, Landstraßen und natürlich im freien Gelände sind heute kaum noch vorstellbar. Die Akzeptanz der massiven Verkehrsbehinderungen wäre in der Bevölkerung wahrscheinlich sehr gering. Würde das Klirren der Fensterscheiben hingenommen werden, wenn ein PzBtl mit seinen Leoparden nachts durch eine Ortschaft rasselt? Ist es heute noch Realität, dass der Führer eines Panzerbrückenzuges, meist auf sich allein gestellt, mit seinen überbreiten und fast 4,00 m hohen Fahrzeugen sich im Übungsraum ohne Marschkredit frei bewegt?

Im Verlauf der DivGefÜb „HOHER PREIS“ sollte die PzBrig 3 über die ALLER hinweg angreifen. Im entsprechenden Gewässerabschnitt ist die ALLER ca. 40 m breit und bis zu ca. 1,50 m tief. Nachdem die Kommandeure der Kampftruppe in einer Vorbesprechung ein Tiefwaten mit Leopard und Marder ausgeschlossen hatten, wurde der BrigPiFhr gefragt:

„Also wie kommen wir darüber?“

PzPiKp 30 war zu diesem Zeitpunkt noch mit 4 Brückenpanzern M 48 A2 (US) ausgerüstet – Brückenlänge fast 20 m – wobei die Vorschriften aber auch ein überlappendes Verlegen beschrieben, um breitere Gewässer zu überbrücken. Obwohl dieses Verfahren in der Kp noch nie durchgeführt worden war, wurde es dem BrigKdr vorgeschlagen, der es im Vertrauen auf seine Pioniere genehmigte.

Eine geeignete Stelle zum Vorüben war in Flettmar an der Aller schnell erkundet, die erforderliche Genehmigung eingeholt und die Ausbildung der Fahrer der Brückenpanzer konnte erfolgen.

Die DivGefÜb fand dann vom 27. bis 30.11.1974 statt. Am Mittag des 28. stand die PzBrig 3 am Nordufer der ALLER. Um am feindlichen Ufer bei BOCKELKAMP einen Brückenkopf zu bilden, setzte die erste Welle der Grenadiere mit Schlauchbooten über, gesteuert von Panzerpionieren. Ein 2-adriges Kabel vom Feldfernsprecher war am Heck der Boote befestigt, daran wurden die Boote zurückgezogen. Der im Boot verbliebene Steuermann verhinderte ein Abtreiben in der ohnehin schwachen Strömung. So konnten in schneller Folge alle abgesessenen Kräfte des PzGrenBtl 32 übersetzen und den Brückenkopf ausweiten. Der Übergang wurde aus ufernahen Stellungen der MARDER überwacht.

Gleichzeitig führte der KpTrp der PzPiKp 30 eine Flussprofilaufnahme durch, in der die bereits vor Übungsbeginn eingeholten Aussagen der Wallmeister zur Gewässerbreite (42 m) und Tiefe (1,45 m) bestätigt wurden. Die Brückenlinie wurde mit Fluchtstangen markiert.
Gegen 15 Uhr erreichten 3 BrPz, die über schwieriges Gelände – unterstützt von einem PzPiZg – herangeführt worden waren, die Brückenstelle. Gerätereserve war eine auf Tieflader verlastete Ergänzungsbrücke. Aus der letzten Deckung durch den ZgFhr abgerufen, erreichte der erste BrPz das Ufer und legte die Brücke auf einem Uferbalken aus Kanthölzern so ab, dass noch ca. 3 m auf Land auflagen. Die Brückenspitze verschwand in dem ca. 1,45 m tiefen Wasser.

Da der M48 A2 die Brücke beim Ablegen erst völlig senkrecht stellt- und damit eine Höhe von ca. 12 m erreicht, bildet er ein weit sichtbares, gut aufzuklärendes Ziel. Eine Schwachstelle, die bei der Konstruktion des BrLPz Biber vermieden wurde.

Der zweite Panzer legte seine Brücke so ab, dass eine Überlappung von ca. 7m entstand. Auch von dieser Brücke ragten nur noch wenige Teile aus dem Wasser. Auch die 3. Brücke wurde mit einer Überlappung von ca. 7 m abgelegt, lag damit fast waagerecht über der Wasseroberfläche und ca. 3m am jenseitigen Ufer auf. Die drei Brücken wurden untereinander kreuzweise mit Ketten verzurrt. Auch die beiden Endbrücken mussten gegen Verschieben – ausgelöst durch Lenkbewegungen der Panzer – gesichert werden. Dazu wurden rechts und links 5 to Greifzüge angeschlagen, die von Verankerungsplatten gehalten wurden, die mit je 8 Erdnägeln am Boden befestigt waren.

Mit einem großen „Flicken“ der Achteck – Schnellbaustraße wurde an der Zufahrt diesseits ein kritischer Punkt befestigt, wo scharfe Lenkbewegungen erforderlich waren.
Nach der Belastungsprobe mit einem Pionierpanzer konnte der Brigade gegen 16:30 Uhr Brückenschluss gemeldet werden. Kurz darauf begann der Übergang der MARDER, auf die die Grenadiere in dem Brückenkopf schon dringlich warteten.

belastungsprobe beim vorben

Belastungsprobe

Noch heute denke ich voller Respekt an die meist wehrpflichtigen Panzerfahrer, die in der dunklen Novembernacht praktisch ins Nichts hinein – nur mit Tarnlicht – über eine Brücke fuhren, die weitgehend nicht zu sehen war. Lediglich der äußere Rand der Fahrbahn war an Ober- und Unterstrom mit Lampen aus dem Minenfeldmarkierungssatz nach freundwärts etwas ausgeleuchtet.

Die Erleichterung, das jenseitige Ufer erreicht zu haben konnte man gut hören; jetzt wurde wieder ordentlich Gas gegeben. Als Folge musste dieser tief zerfurchte Bereich mehrmals wieder grob einplaniert werden, ausgeführt von den als Bergehilfe bereitstehenden Pionier-panzern.
Brückenschläge zogen bei allen Übungen höhere Vorgesetzte an. So war natürlich auch der DivKdr anwesend, als auch das  PzBtl 34 mit allen Gefechtsfahrzeugen noch in derselben Nacht über die 3 – teilige Panzerbrücke fuhr. Da auch dieser Übergang störungsfrei verlief, wurde der gute Ruf unserer Pioniertruppe einmal mehr gefestigt.

am morgen nach dem bergang

Am Morgen nach dem Übergang

Das Aufnehmen der Brücken war schwierig, hatten sie sich doch tief in das Erdreich eingedrückt. Nur mit Hilfe der Pionierpanzer und erst, nachdem der Schlamm abgespritzt worden war, konnten die M 48 die hydraulischen Anschlüsse wieder koppeln und die Brücken aufnehmen:
freilegen der hydraulischen anschlsse

In diesem Bericht ist weder die taktische Lage noch die Übergangsorganisation dargestellt worden. Absicht war es vielmehr aufzuzeigen, dass die vorhandene Geräteausstattung manchmal ein breiteres Spektrum an Einsatzvarianten ermöglicht. Vielleicht regt dieser Bericht die heutigen ZgFhr und Kp-Chefs dazu an, die Einsatzmöglichkeiten ihres STAN – Gerätes mit anderen Augen zu sehen und zu prüfen, ob die Vorschriften „Sonderbauweisen“ zulassen, die vielleicht gerade im Auslandseinsatz notwendig werden können.
SFw a.D. Dieter Klitzke – damals Fhr Pz Brck Zg –  gilt mein Dank für die erfolgreiche Suche in den Traditionsräumen der PzBrig 3 und viele ergänzende Einzelheiten zu diesem Bericht.”

Hartmut Cossmann  Oberst a.D.