„End of mission“ in Mazar-e Sharif

Übergabe des Feldlagers „Camp Marmal“ an die afghanischen Streitkräfte
(ein Erfahrungsbericht von OTL Rönnau)

Camp Marmal im Juni 2021

Beendigung von Military Engineering (MilEng) im TAAC-N/ CMD MeS

Es wurde in den vergangenen Jahren bereits mehrfach über die Aufträge, Gliederungen, Erfahrungen und Entwicklungen der Unterabteilung MilEng TAAC-N in Mazar-e Sharif (MeS) der RS-Mission in Afghanistan im Magazin der Pioniertruppe und des Bundes Deutscher Pioniere berichtet. Dabei standen vorwiegend die klassischen Aufgaben „Train – Advice – Assist“ der „Afghan National Army“ (ANA)-Kräfte, die Beratung der Führung des Einsatzkontingents in jeglichen pioniertechnischen Fragestellungen wie z.B. der EOD-Unterstützung, Projektplanungen und Überwachung der unterschiedlichen Infrastrukturmaßnahmen im Feldlager „Camp Marmal“ sowie des „Airfields“ im Mittelpunkt.

Am 14. April 2021 beschloss der NATO-Rat den finalen Abzug seiner Truppen aus Afghanistan. Als ich am 20. April meinen Einsatz als Chief MilEng antrat, wurde schnell klar, dass das „Redeployment“, also die sichere und dem Zeitplan entsprechende Rückführung von Truppen und Material in den Mittelpunkt rücken musste und das Ende des Engagements in Afghanistan vorzubereiten war. Da sich die Unterabteilung MilEng personell in den letzten Wochen bereits deutlich verkleinert hatte,1 war ich froh, gerade in der ersten Zeit meines Einsatzes mit Hauptmann Toni Mai auf dem Feld der Kampfmittelabwehr (KpfmAbw) und Hauptfeldwebel Matthias Hanke (beide PzPiBtl 1) für den Bereich Infrastruktur zwei äußerst zuverlässige und fachlich versierte Mitstreiter an meiner Seite zu wissen, die mit größtem Engagement und Motivation die gestellten Aufgaben meisterten. Beide Kameraden haben mir durch ihre Erfahrung und Zuarbeit den Einstieg als ChiefMilEng erheblich erleichtert. Nicht zuletzt hat auch die sehr gute Vorarbeit und Einweisung meines Vorgängers als Chief MilEng, Oberstleutnant Eberhard Zimmer (PzPiBtl 803), einen erfolgreichen Abschluss des letzten Kapitels von MilEng der Bundeswehr in Afghanistan erst möglich gemacht.

1  Der estnische Major (EOD C) verließ Ende April das Einsatzland, der schwedische Hptm (NATO Infra) war zunächst im Urlaub und anschließend für die Rückführung des schwedischen Kontingents verantwortlich.


Die Unterabteilung MilEng im Juni 2021: v.l.n.r. OF-2 Savic (BIH), OF-4 Rönnau, OR-7 Hanke, OF-5 Virag (HUN, Chief CJ 3/7) und OF-2 Mai

Nun galt es einerseits als „Hybrid Advisor“ die Verbindungen zu unseren afghanischen Partnern des 209. ANA-Korps aufrechtzuerhalten und andererseits alle erforderlichen Maßnahmen zur Übergabe der deutsch genutzten Flächen vorzubereiten. Parallel sind in enger Zusammenarbeit mit der „NATO Support and Procurement Agency“ (NSPA) zahlreiche Infrastrukturmaßnahmen abgeschlossen oder zumindest verkehrssicher beendet worden. Von großer Bedeutung waren diesbezüglich die Finalisierung der Instandsetzung der „Mike Ramp“ am 09.05.2021 sowie der „Charlie Ramp“ am 13.05.2021, die eine vollständige Nutzung des Airfields, des militärischen Anteils des Flughafens Mazar-e Sharif, wieder möglich machte. Die zeitgerechte Wiederherstellung der Lande- und Abstellflächen hatte insofern große Bedeutung, als eine intensive Beanspruchung im Rahmen des „Redeployment“ u.a. durch das Frachtflugzeug Antonov An-124 erfolgen sollte.

Projekt-Finalisierung und HOTO am 29.05.2021; mit dem technischen Leiter der NSPA und dem Chef der türkischen Baufirma

Zum Aufgabenbereich MilEng zählten daneben alle Infrastrukturmaßnahmen innerhalb von Camp Marmal, die die Verteidigungsfähigkeit erhöhen sollten. Ich denke in diesem Zusammenhang besonders an den Ausbau der Mörserstellungen, den Ausbau der Verteidigungslinie sowie des Pre-Checks. Um diese Aufgaben kümmerte sich vorwiegend Hauptfeldwebel Hanke, der dabei sehr erfolgreich und nicht selten unmittelbar mit dem US-amerikanischen Deputy Commander TAAC-N/ CMD MeS (DECOM) zusammengearbeitet hat.

Als „Hybrid Advisor“ bei ANA AT konnte ich mit den Übergaben der „Safe Haven“ Camp Shaheen (CS) bei MeS sowie Camp Pamir (CP) in Kunduz, die noch mein Vorgänger vorbereitet und durchgeführt hat, erste Erfahrungen im „Face-to-Face“ – Advising mit den Afghanen vorwiegend aus den Reihen des 209. ANA-Korps sammeln, was mir als ausgebildeter CIMIC-Stabsoffizier ausgesprochen Freude machte. Der Transport erfolgte zumeist durch Hubschrauber sowjetisch/ russischer Bauart vom Typ Mi-17, die von einem zivilen Unternehmen betrieben wurden. Nur einmal verlegten wir mit der NLD-Force Protection im Fahrzeugmarsch durch MeS ins ca. 30 km entfernte Camp Shaheen.

Zuverlässiger Partner der NATO in Afghanistan: der Drehflügler vom Typ Mi-17

Es folgten nun mehrere sogenannte „Camp Site Recces“, die notwendig waren, um den afghanischen Partnern der ANA die Infrastruktur von Camp Marmal näherzubringen. Es erschienen unter Führung afghanischer Generäle große Delegationen, die per Bus und zu Fuß auf diversen Stationen eingewiesen wurden. Dabei waren die Unterkunfts- und Office-Shelter, die „Dining Facility“ (DFAC), die Wasseraufbereitungsanlage, das Generatoren – Feld (Stromerzeugung), das Krankenhaus mit Apotheke, das Tanklager, das Airfield mit Heron-Halle, das Mun-Depot sowie die Spreng- und Schießplätze von besonderem Interesse. Mit großer Mühe haben alle für die Übergabe der Infrastruktur von Camp Marmal Verantwortlichen konstruktiv mit der Einsatzwehrverwaltung und dem Bereich MilEng zusammengearbeitet, um in der verbleibenden Zeit und noch zur Verfügung stehenden Kräften die Übergabe so effektiv wie möglich zu gestalten. Auch nach dem 7. Juni, dem Tag der Unterzeichnung der Übergabeunterlagen durch den COM CMD MeS, BG Meyer und General Nazari (MoD), haben wir Expertengruppen des Verteidigungsministeriums und des 209. ANA-Korps in die Infrastruktur des Feldlagers eingewiesen. Wir haben den Afghanen ein funktionierendes Feldlager geordnet übergeben. Die folgenden Bilder dokumentieren die historische Einweisung und Übergabe von Camp Marmal an die Afghanen im Juni 2021:

Fazit

Rückblickend und persönlich betrachtet, fällt meine Bewertung des Einsatzes durchweg positiv aus. Die multinationale Zusammenarbeit und Kameradschaft zu erleben, war eine großartige Erfahrung. Die besondere Sicherheitslage, unter anderem die Frage, wie sich die Taliban ab dem 1. Mai verhalten werden, regelmäßige Demonstrationen vor dem Camp, die Frage der Sicherheit unserer Ortskräfte und deren Familien, die COVID-19-Fälle, die besondere Maßnahmen erforderlich machten und natürlich die zunehmenden Temperaturen – all diese Umstände haben nach meiner Bewertung dazu beigetragen, dass sich alle professionell und kameradschaftlich auf das Wesentliche konzentriert haben.

Die Einweisung in die Infrastruktur von Camp Marmal gestaltete sich zum Teil zögerlich, weil es nach meiner Einschätzung den Afghanen schwerfiel, zeitgerecht fachlich kompetente Ansprechpartner – Experten – zu benennen. Es sollte aber auch nicht vergessen werden, dass die afghanischen Streitkräfte seit Monaten in teilweise verlustreichen Kämpfen mit den Taliban verwickelt sind, und zudem die technischen Standards zwischen NATO-Staaten und Afghanistan stark differenzieren. Als ich den Auftrag hatte, die afghanischen Kameraden des 209. ANA-Korps in die DFAC einzuweisen, wurde mir dieser Punkt deutlich: die afghanischen Köche berichteten mir, dass sie gewöhnlich auf offenem Feuer, gelegentlich mit Gas, die Mahlzeiten zubereiten. Nun standen sie in einer Hightech-Küche und waren sichtlich überfordert.

Die interkulturellen Erfahrungen mit unseren afghanischen Partnern vom einfachen Küchenhelfer bis zum General zu erleben, war für mich sehr spannend und lehrreich, wenngleich pioniertechnische Aspekte eher in den Hintergrund traten.

Ich erlebte einen kurzen, aber intensiven und eindrucksvollen Einsatz, den ich nicht missen möchte. Es bleibt zu hoffen, dass unsere Opfer und Mühen nicht umsonst waren!


Quellen:
Bilder: Bundeswehr / OTL Rönnau (PiStOffz TZH/OSH)
Text: OTL Rönnau