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Military Engineering in besonderen Zeiten

Pioniere in der 11. Rotation eFP BG LTU

eit Februar 2017 sind bereits Soldaten der Bundeswehr in Litauen eingesetzt. In der sogenannten Enhanced Forward Presence Battle Group Lithuania (eFP BG LTU) dienen zurzeit über 1600 Soldaten, davon ca. 900 aus Deutschland. Was nur die wenigsten wissen ist, dass die eFP BG voll in die litauische IRON WOLF Brigade integriert ist, und damit einen wesentlichen Teil innerhalb der litauischen Verteidigungsplanung einnimmt.

Seit der Übergabe von der 10. auf die 11. Rotation eFP BG LTU und dem gleichzeitigen 5-jährigen Bestehen der NATO Battle Group am 08. Februar 2022, ist das Panzergrenadierbataillon 411, als Leitverband, in der Verantwortung. Zusammen mit den Kameraden aus den Niederlanden, Norwegen, Tschechien, Luxemburg, Belgien und Island bilden Sie den multinationalen Kampfverband in Litauen.

TPz FUCHS

Was die Soldaten zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht wissen konnten, ist die Tatsache, dass Sie Ihren Dienst in einer der schwierigsten Zeiten nach Beendigung des Kalten Krieges werden leisten müssen. Denn mit dem Angriff der russischen Streitkräfte auf die Ukraine am 24. Februar 2022 änderte sich auch vieles in der Battle Group.

Zum einem mussten innerhalb kürzester Zeit Verstärkungskräfte aller Nationen in der Kaserne in RUKLA aufgenommen werden, zum anderen steht die Mission schon alleine wegen in ihrer geografischen Nähe zur russischen Staatsgrenze in Verbindung mit der litauischen Geschichte unter einem besonderen Fokus. Dazu wurden über 25 x Typ II Zelte aufgebaut und 2 vorhandene TORNADO Zelte mit insgesamt über 100 x Betten und 10 x Heizaggregaten pro Zelt umgebaut, um alle Soldaten unterzubringen. Die gerade angekommenen Verstärkungskräfte wurden unverzüglich in die Battle Group integriert und so begann die 11. Rotation bereits in der 1. Märzwoche mit dem Trainieren der unterschiedlichen Operationsarten im Gefecht um einerseits den Ausbildungsstand zu erhöhen und anderseits die Einsatzbereitschaft der Battle Group an der Ost Flanke der NATO zu demonstrieren.

Biber _1
Biber _2

Pioniere finden sich in dieser multinationalen Battle Group sowohl im Stab, in der Zelle Military Engineering, als auch in den jeweiligen Kampfkompanien (BC-Battle Coy) wieder. Die Zelle MilEng ist dabei mit einem niederländischen, einem norwegischen und vier deutschen Pionieren multinational besetzt, die sich sowohl in Zelle PLANS und CURRENT des Gefechtstands MAIN als auch in der direkten Pionierberatung des Kommandeurs im FORWARD wiederfinden.

Dies ist deshalb notwendig, weil die drei Kampfkompanien jeweils ihren eigenen Pionierzug unterstellt haben. Somit gibt es einen DEU, einen NLD und einen NOR Pionierzug, welche sich durch ihre jeweiligen Fähigkeiten grundlegend unterscheiden.

Der norwegische Pionierzug der 4. BC, ausgestattet mit 6 x Quads ist aus deutscher Sicht eher mit einem leichten Pionieraufklärungszug vergleichbar. Er wird durch den norwegischen Kompaniechef zur pionierspezifischen Information Gewinnung eingesetzt. Der Pionierzug agiert durch die Quads im Gelände hochflexibel und ist schwierig aufzuklären. Dieser Vorteil birgt natürlich auch Nachteile und so ist der norwegische Pionierzug nur sehr begrenzt in der Lage zum Sperreinsatz.

Die niederländischen Pioniere der 2. BC, ausgestattet mit 4 x GTK Boxer und 1 x Fennek, sind vergleichbar aufgestellt wie ein deutscher Panzerpionierzug. Da die Niederländischen Streitkräfte jedoch auf den Einsatz von klassischen Panzerabwehrminen wie z.B.: der DM 31 verzichten, sind Sie nicht in der Lage, großflächige Sperreinsätze durchzuführen. Dafür sind die niederländischen Pioniere durch den Einsatz von ATMF (Anti-Tank Mine Fuze), die als Multifunktionszünder auf die Panzerabwehrmine TM 62 geschraubt werden, in Verbindung mit dem Programmiergerät DEPROG 62, im Stande – quasi auf Knopfdruck – ihre Minen z.B. in Gassen zu aktivieren oder deaktivieren. Der Zünder kann mit seinen verschiedenen seismischen und elektromagnetischen Sensoren selbstständig sein Ziel erkennen, um zum idealen Zeitpunkt umzusetzen, wobei ebenfalls die Möglichkeit besteht den Zünder auf eine bestimmte Fahrzeuganzahl (zwischen 1-99) zu programmieren, so das beispielsweise ein eigener Feldposten mit seinen 2 Kampfpanzern die Gasse ohne Gefahr passieren kann, während die Mine dann beim nachfolgenden 4. Fahrzeug umsetzt.

Der verstärkte deutsche Pionierzug der 1. BC ist daher mit den 2 x PzPiGrp, der EOD Grp, dem PiPz Dachs, dem BrVerPz Biber, dem MiVS85s und der PiGerGrp (ausgestattet mit zusätzlichen S-Booten) und mit der Zuführung des BrV LEGUAN samt Ergänzungsbrücken, das sprichwörtliche Schweizer Taschenmesser der MN BG.

NLD ComEng Boxer
NLD Combat EngineerBoxer with 14m bridge MLC40

Dieses große Portfolio an Pionierfähigkeiten in der MN BG bedingt, dass sich die in der Zelle MilEng eingesetzten Offiziere und Unteroffiziere mit Portepee das Wissen um diese Fähigkeiten aneignen und im Führungsprozess auch anwenden. Gerade weil im multinationalen Umfeld der Battle Group nicht der deutsche Führungsprozess, sondern der DMP (Desicion Making Process) gemäß NATO STANAG APP-28 angewendet wird, bedarf es gerade von den deutschen Pionierkräften im Stab eine gewisse Flexibilität und schnellen Auffassungsgabe da es in den verschiedenen Stufen des DMP einen deutlich größeren Anteil der Pionier Zuarbeit bedarf als im deutschen Führungsprozess. Da während des DMP Ergebnisse an den COS (Chief of Staff) und den COM (Commander) der Battle Group durch die Offiziere und Feldwebel vorgetragen werden, ist es selbstverständlich, dass dies in englischer Sprache geschieht. Ein SLP ENG von mindestens 3222 sollte hier eine Mindestvoraussetzung für die eingesetzten Soldaten im Stab sein. Da die Zelle MilEng aber auch dem litauischen NDP (National Defence Plan) zuarbeitet ist die Arbeit nicht auf Übungen oder Areale der Übungsplätze begrenzt. Im Rahmen der Zuarbeit zum NDP arbeitet die Zelle MilEng an den tatsächlichen Verteidigungsplänen Litauens, was eine große Ehre darstellt.

Doch auch die in der 1. BC eingesetzten deutschen Pionierkräfte kommen um die englische Sprache nicht herum. Da in allen Operationsarten pionierspezifische Fähigkeiten überall dort in der BG eingesetzt werden, wo sie gebraucht werden, ist es beispielsweise möglich, dass das MiV85s zusammen mit dem Dachs im Gefechtsstreifen der norwegischen Mech-Infanterie Kompanie eingesetzt wird oder die deutsche EOD Grp gegnerische Sperren im Gefechtsstreifen der niederländischen Infanterie Kompanie öffnen muss. In einer multinationalen Battle Group ist daher Englisch auf allen Ebenen ein „muss“.

Der 6-monatige Einsatz in der MN BG bietet noch weitere Vorteile. Da die Pionierzüge über die gesamte Dauer fest in ihren Kampfkompanien aufgehangen sind, und einheitlich durch den jeweiligen Kompaniechef geführt werden, ist es möglich, gemeinsame SOP´s (Standing Operating Procedure) zu erarbeiten. So werden realistische Bilder dargestellt, eventuelle Fehler frühestmöglich abgestellt und eine extrem hohe Ausbildungsqualität erzielt mit dem Nebeneffekt, das Verständnis füreinander zwischen den Truppengattungen enorm zu vertiefen.

Trotz der Unterstellung der eFP BG LTU unter Führung des SACEUR (Supreme Allied Commander Europe) und der weiterhin angespannten Lage werden die geplanten Übungen der BG weiterhin durchgeführt. Einerseits um zu zeigen, dass die NATO Truppen an der Ost Flanke im Baltikum einsatzbereit sind, anderseits um die Zusammenarbeit mit der litauischen IRON WOLF Brigade zu vertiefen.

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PiPz Dachs
PiPz Dachs

Aus Pioniersicht ist der Einsatz in der eFP BG eine interessante und spannende Erfahrung. Das Handeln im multinationalen Umfeld setzt eine interkulturelle Kompetenz voraus. Aber gerade der Erfahrungsaustausch mit den Kameraden anderen Nationen zum Beispiel beim Gemeinsamen Erarbeiten von Produkten innerhalb des Stabes oder die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Pionierzüge miteinander, ist eine Sache, die man natürlich nicht während des Dienstes im hiesigen Panzerpionierbataillon erlebt.

Insgesamt ist der Einsatz auf allen Ebenen ein Gewinn. Es gibt viel zu lernen, auszuprobieren und zu verbessern. Durch die deutsche Teilnahme können wertvolle Erfahrungen gesammelt und direkte Vergleiche mit unseren NATO-Partnern gezogen werden, welche wiederum den Anstoß für zielgerichtete Veränderungen in der Truppe liefern können. Natürlich bedarf dies dem persönlichen Engagement eines jeden Einzelnen, denn nur so werden die Soldaten der BG ihrem Wahlspruch gerecht – READY and UNITED!

Text und Bildnachweis:
HILBIG, SF und PiFw Zelle MilEng 11. Rotation eFP BG LTU