Drei Fähnriche der Pioniertruppe, Studenten an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg, nahmen am Segelkurs 2011 teil
Leinen los, heiß die Fock, neuer Kurs halber Wind und jetzt Halsen und Wenden und Halsen und Wenden und Halsen und… Sie ahnen es bestimmt schon. Wenn Ihnen diese Sprache auch nicht so geläufig ist, dann ist das kein Grund, sich jetzt zu schämen, sondern viel mehr möchten wir Ihnen nun einen kleinen Einblick in die Welt dieser seltsamen Sprache geben und Ihnen unser neues Hobby vorstellen.
Es war einmal im Jahre 1971, als sich weise Herren versammelten, um etwas anderes als nur Dienstsport zu machen. Das Verlangen nach den Naturgewalten wie Wasser, Wind, Sonne und Geselligkeit schuf einen neuen Bereich des Sportes: das Segeln. Kurze Zeit später rief man die Segelkameradschaft der Pionierschule ins Leben und ging nun diesem Hobby nicht nur militärintern nach, sondern man begeisterte Ehefrauen, Kinder, Freunde und nicht zuletzt Kameraden. Diese Begeisterung zeigt sich in den aktuellen Zahlen der Segelkameradschaft. Circa 250 Mitglieder, 15 Boote, eigene Ausbildung für den Sportbootführerschein Binnen, 2-3 Regatten und andere Wettkämpfe im Jahr, und eine Leidenschaft.
Die Segelkameradschaft ist in erster Linie ein Verein für die Soldaten und Zivilbediensteten der Pionierschule in Ingolstadt sowie deren Familien. Jedoch können mit Zustimmung des Vorstands auch andere Personenkreise beitreten. Die Kameradschaft unternimmt auch Segeltörns in der Ostsee, dem Mittelmeer und anderen Gewässern und bietet die Möglichkeit, die dafür notwendigen Führerscheine vereinsintern zu erwerben (www.segelkameradschaft.de).
Nun stellt sich jedoch die Frage, warum wir junge Männer uns so für das Segeln interessieren und woher dieses Fieber kommt. Den Segelvirus haben wir 2 Herren zu verdanken. Zum einen Eckehart Griesbach und zum anderen Oberstleutnant a.D. Klaus op de Hipt. Der Erste ist verantwortlicher Hafenwart der Segelkameradschaft und stellte somit einen reibungslosen Ablauf im gesamten Hafenbereich sicher. Außerdem unterstützte er uns bei der theoretischen Ausbildung und lehrte uns das Motorbootfahren. Oberstleutnant a.D. Klaus op de Hipt ist Sportwart und engagiert sich für die Aus- und Weiterbildung von Mitgliedern und trug somit die Verantwortung für die theoretische sowie praktische Ausbildung. Zusammen haben sie den Kameraden aus der Pionierschule, studierenden Pionieren der Universität der Bundeswehr München, die Möglichkeit geboten, den Sportbootführerschein Binnen abzulegen. Hier dürfen wir natürlich nicht den gesamten Vorstand der Segelkameradschaft vergessen, welcher uns diese Ausbildung erst ermöglichte. Mit diesem Schein haben wir nun die Möglichkeit, auf den Binnengewässern ein Boot zu steuern, welches maximal 15 Meter lang sein darf, egal ob mit oder ohne Segeln.
Um dieses einmalige Privileg genießen zu können, mussten wir jedoch eine Tortur aus fünf Unterrichtsabenden an der Universität der Bundeswehr München überleben. Jeden Montagabend trafen wir uns für mindestens zwei Stunden und den „Neuen“ wurde mit viel Spucke und Geduld erklärt, was in der theoretischen Prüfung wichtig sei. Jedoch war das nicht der einzige Sinn dieser Lehrveranstaltung. Insidertipps, alte Seglererfahrungen und Vorbereitung auf die Praxis waren ebenso von großer Bedeutung.
Am 30.April wurde es dann Ernst. Für die Studenten als unmenschlich früh wahrgenommen, begann die Einweisung der Ausbildungsgruppe auf dem Gelände der Pioniertaucher in Percha am Starnberger See um 9.00 Uhr. Nachdem nun den wunderschönen Panoramablick über den See bis hin zu den Alpen als „Oh wie traumhaft“ beschrieben hatte, ging es los. Wir sahen endlich Boote. Bevor wir sie jedoch berühren durften, gab es eine Aufteilung in die Segelteams mit jeweils einem Ausbilder. Hierbei ist besonders zu erwähnen, dass es nicht wie an einer kommerziellen Segelschule üblich, für 20 Lehrlinge einen Master gibt, sondern es kam immer ein Ausbilder auf zwei, maximal drei Frischlinge. Nach der Einteilung erfolgte die Bekanntmachung mit dem Starnberger See. Himmelsrichtungen, Orientierungspunkte, bevorzugte Windrichtungen. Regeln und Gesetze sowie die zahlreichen Seeungeheuer wurden uns vorgestellt. Jetzt waren wir endlich soweit, die Boote zu entern. Na gut, so wild ging es nun auch nicht vor. Zuerst musste die Persenning (Schutzplane) entfernt werden und danach gab es die Einweisung für das zugeteilte Boot, denn jedes Boot braucht seine Liebe und pflegt spezielle Rituale, bevor es segeln möchte. Der Motor, das Schwert, die Ruderpinne, die Fock (Vorsegel) und die Verpflegung, alles musste überprüft werden. Der erste Tag, das erste Auslaufen und die ersten kräftigen Böen für uns blutige Anfänger waren sicherlich mit die spannendsten Momente des Segelkurses. Die ersten Übungen, mit dem Wind und dem Boot eins zu werden, ließen jedoch noch ahnen, dass das Segeln nicht auf Anhieb klappen würde. Wann setzt man das Großsegel, wann die Fock, wo kommt der scheinbare Wind her und von wo der wahre, wo ist halber Wind, raumer Wind oder vor dem Wind? Einige Ausbilder verzweifelten und redeten sich den Mund fusselig, jedoch überlebte bis jetzt jeder den ersten Tag und wollte danach nicht aufhören, sondern war eher betrübt, als der Tag mit dem berühmt-berüchtigten Abschiedsbierchen beendet wurde. Unser Auftrag über Nacht war es, die Lektüre über Wende- und Halsemanöver unter das Kopfkissen zu legen, um somit besser gewappnet zu sein am nächsten Morgen.
Der zweite Tag brach an und somit strahlten wieder die Gesichter. Erneut ging es nach dem Klarschiffmachen auf die offene See hinaus und man übte weiter fleißig sein Können und das was man noch nicht kann. Es wurden erneut die Wendemöglichkeiten erklärt, sowie Aufschießer geübt. Aufschießer sind Manöver, mit denen man versucht, das Boot zu bremsen, um an einer Boje festzumachen oder anzulegen. Das erwies sich als äußerst schwierig, denn die gewohnte Handbremse gibt es nun mal nicht auf einem Schiff. Man musste den Wind beachten, die Strömung, die Wellen, den Abstand zum Ziel, die Stellung der Segel, die eigene Geschwindigkeit, sowie die Lenkbewegungen. Kurzum, man vollbrachte schon ein wahres Kunststück, wenn einem ein Aufschießer gelang. Auch der zweite Tag sollte irgendwann einmal zu Ende sein, aber es folgten zum Glück noch weitere. Da der Wind am Starnberger See auch eher ein Langschläfer ist und sich meistens nicht vor 11 Uhr zeigt, gab es in der Früh noch Möglichkeiten, Prüfungsfragen zu wiederholen sowie Knoten zu üben. Auch dies ist ein sehr wichtiger Bestandteil des Segelns und in der Prüfung wird auch danach verlangt. Knoten sind nicht nur da, um das Bier hinter dem Schiff ins kühle Nass zu tauchen, sondern sie halten Schoten, Leinen, Fallen (alles sind Seile, jedoch mit unterschiedlicher Verwendung) und dienen außerdem zum Festmachen an einer Boje, am Land und von Fendern.
Die nächsten Tage verbrachten wir damit, unseren Manöverkreis zu üben. Solch ein Kreis besteht aus einer Wende (der Bug kreuzt den Wind), einer Halse (das Heck kreuzt den Wind), einem Aufschießer am Prüfungsboot und dem Segeln mit allen möglichen Winden. Anschließend wird in der praktischen Prüfung noch ein Mann-über-Bord-Manöver geübt, wobei der Mann durch eine Boje ersetzt wird. Zwischenzeitlich wurden immer wieder Crews zum Motorbootfahren abgestellt, denn auch dies muss man lernen und üben. Zur praktischen Prüfung gehören hier das Navigieren nach Kompass, nach Landmarken, das An- und Ablegen, das Rückwärtsfahren, sowie ein Mann-über-Bord-Manöver.
Am 8. Mai 2011 war es endlich soweit, unser Prüfungstag. Alle haben die Nacht zuvor die 495 Prüfungsfragen auswendig gelernt und eigentlich konnte somit gar nichts schief gehen. Es ging zum Glück auch nix schief. Jeder bestand erfolgreich seine theoretische Prüfung und sobald er fertig war, ging es auf das Boot. Routiniert machte sich jeder zum Auslaufen bereit, übte dann auf dem See nochmals den Manöverkreis und segelte sich warm für die nächste Prüfung. An diesem speziellen Sonntag hatten alle Sportbootführerscheinanwärter besonders Glück, denn es herrschte eine Windstärke von 3. Dies bedeutet, dass sich das Boot bewegt und man sich nicht nur treiben lässt. Alle Neulinge schafften dann auch die praktische Prüfung mit Bravour und waren extrem stolz. Zwei Segler haben es wieder einmal übertrieben und sind mit ihrem Boot gekentert. Da es eine Jolle war, bestand eigentlich nie Zweifel, dass sie kentern würden, sondern eher wie oft. Beiden ist nichts passiert und eigentlich war es noch nicht einmal ihre Schuld.
Auch die Motorbootprüfung absolvierte jeder und somit konnte dann die große Fete beginnen. Traditionsgemäß luden alle Teilnehmer die Ausbilder und den Vorstand auf ein gemütliches Abschiedsgrillen ein, um sich somit für die Zeit, Geduld und den erreichten Erfolg zu bedanken. Insgesamt möchten wir sagen, dass es eine wunderschöne Zeit war, die alle sehr genossen haben und sich jeder Zeit wiederholen ließe. Jeder, der die Möglichkeit hat, diesen Sportbootführerschein bei der Segelkameradschaft der Pionierschule zu erwerben, sollte diese ergreifen und sich in die Reihen glücklicher Segler
einreihen.
Ein letztes Abschiedswort an die Segelkameradschaft, ein dreifaches Anker wirf und immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel!
Fähnr Daniel Mittelstädt
Fähnr Nik Biedermann
Fähnr Max Alvermann