Bund Deutscher Pioniere e.V.

Neues aus der Pioniertruppe

Knotenpunkte der Mobilität im Einsatz

Einsatzunterstützung:
Die Brückenerkundungsteams stellen den militärischen Führern wertvolle Informationen bereit über die Nutzbarkeit von Brücken in den Einsatzgebieten. 

Dieser Artikel wurde uns mit freundlicher Genehmigung der Redaktion "aktuell - Zeitung für die Bundeswehr" zur Verfügung gestellt.

Gesichert durch Infanteristen prüfen der Erkundungsleiter (M) und ein Bautechniker (l) die Tragfähigkeit einer Brücke in Afghanistan
                             Gesichert durch Infanteristen prüfen der Erkundungsleiter (M.) und ein Bautechniker (L.)
die Tragfähigkeit einer Brücke in Afghanistan

Evakuierungsrouten, Rettungswege, Versorgungsstraßen und Aufmarschwege für Verstärkungskräfte führen aufgrund geografischer Gegebenheiten wie Gewässer und Geländeeinschnitte häufig über Brücken. Sie sind Knotenpunkte, die einerseits die Mobilität und Überlebensfähigkeit der Streitkräfte im Einsatz gewährleisten, andererseits Voraussetzung für zivile Wiederaufbaumaßnahmen im Rahmen der „Vernetzten Sicherheit“. Letztlich kann die Nutzung einer Brücke über den Erfolg einer ganzen Operation entscheiden.

 

 
In den Auslandseinsätzen der Bundeswehr gehören Brücken deshalb zu den besonders kritischen Systemen der Verkehrsinfrastruktur, die es gilt, einsatzbegleitend auf operativer Ebene zu bewerten. Sind Brücken teilweise zerstört oder nur noch eingeschränkt nutzbar, hat dies durch die vielfältigen Abhängigkeiten unmittelbare Auswirkungen auf viele Bereiche im Einsatzgebiet wie Handel, Warenströme, Produktionsprozesse und Umwelt, vor allem aber auf die Sicherheit.

Aufgrund der hohen Belastung, denen Brücken während militärischer Operation ausgesetzt werden, muss die Tragfähigkeit dieser Brücken mit hinreichender Sicherheit im Vorfeld bestimmt werden. Diese Bestimmung der Tragfähigkeit nennt man Einstufung und erfolgt durch ein Brückenerkundungsteam. Dieses besteht idealer Weise aus einem Erkundungsleiter – in der Regel ein Bauingenieur – sowie einem Bautechniker. Dieses Team muss eigenständig, technisch qualifiziert, mit einfachen Mitteln, schnell und zuverlässig arbeiten können. Gleichzeitig unterliegen sie physischen und psychischen Belastungen sowie widrigsten Klima- und Witterungsbedingungen. Ihr Auftrag ist es, die Tragfähigkeit der Brücke zu beurteilen, um sie in eine militärische Lastenklasse, die so genannte MLC (Military Load Classification) für Rad- und Kettenfahrzeuge einzustufen. Dabei errechnet das Brückenerkundungsteam auf Grundlage der vorliegenden Brückengeometrie, den ermittelten Materialkennwerten sowie unter Zuhilfenahme von Erfahrungswerten und bewährten Behelfseinstufungsverfahren die maximale Belastungsfähigkeit des Bauwerks. Ein verantwortungsvoller Auftrag mit weitreichenden Folgen für Leib und Leben eigener und ziviler Kräfte.

 



Um die Soldaten eines solchen Brückenerkundungsteams auf ihren Einsatz fachlich vorzubereiten, findet an der Pionierschule und Fachschule des Heeres für Bautechnik in Ingolstadt zweimal jährlich ein einwöchiger, streitkräftegemeinsamer und multinationaler Lehrgang statt. Bei diesem werden militärische Führer befähigt, Brücken einzustufen. Dies Ausbildung erfolgt hierbei in Kooperation mit der Universität der Bundeswehr München und dem Bautechnischen Unterstützungszentrum (BUZ) sowie mit Unterstützung des Nieder-sächsischen Kultusministeriums. Nach dem Lehrgang ist es den Soldaten dann möglich, sowohl einfache Brücken direkt vor Ort im Einsatzgebiet zu klassizifieren als auch anspruchsvollere Brücken unter Abstützung auf das BUZ in Deutschland einstufen zu lassen. Somit steht dem Befehlshaber im Einsatzgebiet wird diese wichtige Fachexpertise jederzeit zur Verfügung.

Doch wie gehen die Experten hierbei vor? Um beispielsweise die Tragfähigkeit einer Betonbrücke bestimmen zu können, muss zunächst festgestellt werden, welchen Druck der Beton aushalten und wie sehr der verbaute Stahl gezogen werden kann, bis dieser reißt. Des Weiteren muss ermittelt werden, wie hoch der Anteil des Stahls im Beton ist. Deshalb werden die Lehrgangsteilnehmer intensiv in einen Brückenklassifizierungssatz eingewiesen. Dieser besteht aus einem Stahlhärteprüfgerät, einem Ferroscanner, einem Rückprallhammer und einem Tachymeter.

Wichtiger Bestandteil der Einweisung ist aber das praktische Anwenden dieser Gerätschaften. Damit ist es den Experten möglich, die Zugfestigkeit des eingelegten Betonstahls, den Stahlanteil im Beton und die Betondruckfestigkeit zu bestimmen. Aber auch das Durchbiegen einer Brücke – mit und ohne Belastung – kann damit gemessen werden.

Die zukünftigen Brückenerkundungsteams üben hierbei unter fachkundiger Anleitung an praktischen Beispielen in Deutschland, wie beispielsweise das eingeschränkte Tragverhalten geschädigter Brücken aufgrund von Alterung oder Waffenwirkung berücksichtigt werden muss. Gleichzeitig werden konstruktive Vorschläge zum Verstärken dieser Brücken erarbeitet.

Eine genauere Bestimmung der Tragfähigkeit wird durch das System BRASSCO (Bridge Assesment Code) gewährleistet, das mit Hilfe der Universität der Bundeswehr München entwickelt wurde. Bei diesem Programm werden zu den Geometriedaten auch die Material- kennwerte der Brücken in den Computer eingegeben. Anhand eines rechnerischen Modells können so überaus zuverlässige Daten im Rahmen einer Bauwerksdiagnose geliefert werden.

Dieses System zur Klassifizierung der Tragfähigkeit bestehender Brücken stellt eine Zukunftstechnologie zur Sicherheitsanalyse von Brücken dar und hat sich bereits auf dem Balkaneinsatz bei KFOR bewährt. Dort wurden 2005 insgesamt 18 Brücken nach diesem Verfahren untersucht und eingestuft. Diese Technologie gilt es, den zukünftigen Brückenerkundungsteams in dem Lehrgang zu vermitteln. Denn deren erfolgreiches Anwenden hat für einen Einsatz eine große Bedeutung.

 

 

Autoren: Sebastian Kling und Mario Scholz

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